April 2003

Buchtipp - Rainer Beuthel,
Stadtbücherei Eckernförde


Bücher über Seeräuberei gibt es dutzend-, nein hundertfach.
Wenn ich Ihnen zu diesem Thema eine weitere Neuerscheinung empfehle, muß es dafür schon besondere Gründe geben.
 Die erste Besonderheit ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte: das Buch ist Ergebnis einer wissenschaftlichen Konferenz, die im November 2000 vom Bremer Überseemuseum in Zusammenarbeit mit der Deutschen Seehistorischen Kommission einberufen wurde. Schon der Titel des Bandes (Piraten: Abenteuer oder Bedrohung?) zeigt an, daß wir nicht eine dieser mehr oder weniger romantischen Verklärungen des Seeräuberlebens vergangener Zeiten erwarten dürfen, blutrünstige Abenteuer kombiniert mit der Vision eines urkommunistischen, herrschaftsfreien Gemeinwesens fern an karibischen Stränden...
 All dies hat es sicher gegeben, aber das Wissen darum ist zum Klischee erstarrt. Die Piraten-Wirklichkeit war sehr viel widersprüchlicher, komplizierter. Piraterie war auf vielfältige Weise mit der Gesellschaft, die sie hervorbrachte, verzahnt. Dem versuchen die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes auf den Grund zu gehen.
 Erörtert werden die fließenden Übergänge zwischen der bis Mitte des 19. Jahrhunderts durch Kaperbriefe der verschiedenen Seekriegsnationen legitimierten Freibeuterei und der eigentlichen Piraterie. Je nach politischer, bzw. Kriegslage wurde der bisher legale Freibeuter schnell zum verbrecherischen Piraten.
 Weitere Einzelthemen sind u.a. "Die Profite des Krieges", "Piratengesellschaften - Vorläufer der Demokratie oder Sodom und Gomorrha?", "Meuterei und Piraterie". Anstelle der üblichen Schönfärberei oder Verteufelung wird nach den gesellschaftlichen Ursachen von Piraterie gefragt.
 Das vorliegende Buch ist zudem eines der wenigen, worin die grausame Gegenwart nicht ausgespart bleibt. Wer das Kapitel "Piratenabwehr heute: Heldentat oder sinnloses Unterfangen?" gelesen hat, wird das scheinbar harmlose Vergnügen der Eckernförder Piratentage möglicherweise mit anderen Augen betrachten. Denn dies ist die Realität: die Zahl der weltweit gemeldeten Überfälle auf See (also ohne die wahrscheinlich große Dunkelziffer) stieg im Jahr 2000 auf 469, wobei allein rund um Indonesien 72 Seeleute getötet und 99 verletzt wurden. Immer wieder verschwinden auch Segelyachten spurlos. Über die Ursachen für diese bedrohliche Entwicklung lohnt sich nachzudenken. Zerfallende gesellschaftliche und staatliche Strukturen wie auch individuelle Verzweifelung und Not bilden heute wie in der "Blütezeit" der Piraterie im 17. und 18. Jahrhundert den gesellschaftlichen Hintergrund für die Entstehung von Verbrechen auf See.


Piraten. Abenteuer oder Bedrohung / hrsg. v. Hartmut Roder.-
Bremen: Edition Temmen, 2002.- Euro 15.90
Stadtbücherei Signatur: Gesch 111 T


Rainer Beuthel



Buchempfehlung März 2003